Der Borobudur

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Author

Alex

Published

November 3, 2026

Modified

November 3, 2026

Kurzinfo

Mit dem Zug unterwegs

Auf die Minute pünktlich rollt der Zug an. Im Wagen herrscht noch geschäftiges Treiben. Jeder, der hier mitfährt, hat einen zugewiesenen Platz, den er noch finden muss. Ich war Gott sei Dank schnell und kann dem Treiben in Ruhe zugucken. Die Eisenbahn beschleunigt ruckelnd, fährt in eine Weiche, was die Fahrgäste kurz durchschüttelt, und unsere Reise beginnt. Ich schaue aus dem Fenster und freue mich auf die nächsten Stunden. Palmen, Felder und die Häuser von Banyuwangis Vororten ziehen an mir vorbei. So macht Zugfahren Spaß.

Warten auf den Zug nach Yogyakarta

Warten auf den Zug nach Yogyakarta

In Deutschland ist die Eisenbahn regelmäßig Zielscheibe von Hohn, Spott und Frustration, wenn sie mit Rekordunpünktlichkeit und maroder Infrastruktur mal wieder negative Schlagzeilen macht. Hier, am anderen Ende der Welt, ist meine Erfahrung bisher durchweg super. Für unter zehn Euro habe ich mein Ticket in der zweitbesten Klasse der Kereta Api Indonesia, kurz KAI, gelöst. So nennt sich die staatliche Eisenbahngesellschaft Indonesiens. In gut zwölf Stunden will ich quer durch die östliche Hälfte Javas zu meinem Zielort Yogyakarta reisen. Der Name ist zum Verwechseln ähnlich zu dem der Hauptstadt Indonesiens, die sich nur ein paar Hundert Kilometer nordwestlich befindet. Yogyakarta, bei Einheimischen oft nur kurz Yogya genannt, ist mit nur knapp einer halben Million Einwohner jedoch deutlich kleiner. Dafür hat die Stadt ein paar UNESCO-prämierte Bauwerke zu bieten. Einer davon ist die größte buddhistische Tempelanlage der Welt.

Erster Abend in Yogya

So pünktlich wie wir losgefahren sind, so pünktlich kommen wir auch an, und mein positiver Eindruck des Schienenverkehrs von Java verfestigt sich. Mittlerweile ist es schon früher Abend, und ich bin von der langen Reise geschlaucht, so angenehm sie auch gewesen sein mag. Zum Glück ist mein Hostel direkt im zentralen Viertel Malioboro unweit des Bahnhofes. So habe ich es auch nicht so weit zu meinem Abendessen mit Zhar, einem indonesischen Couchsurfer, den ich auf Bali einige Zeit zuvor kennengelernt habe und der aus Yogya stammt. Zwar ist er eigentlich wegen eines Zahnarztbesuches in der Heimat, nimmt sich jedoch abends Zeit für mich. Auf der Hauptstraße von Malioboro befindet sich ein großer Markt, auf dem wir gemeinsam zu Abend essen. Ein wirklich herzliches Willkommen im Herzen Javas.

Abend in Yogyakarta

Abend in Yogyakarta

Der lange Weg zum Borobudur

Mein folgender Morgen beginnt hektisch. Da ich mal wieder nicht ausreichend vorausgeplant habe, stelle ich erst beim Aufwachen beim Blick auf mein Handy fest, dass ich ein Problem habe. Den Borobudur, den ich an diesem Tag besuchen möchte, kann man nur im Rahmen geführter Touren besichtigen. Für diese Touren reserviert man sich einen Zeitslot, den man einzuhalten hat, ansonsten verfällt das Ticket. Was ich nicht erkannt habe: Der Tempel befindet sich nicht in Yogyakarta selbst, sondern etwa fünfundzwanzig Kilometer außerhalb. Und diesen Weg, plus den morgendlichen Berufsverkehr durch die halbe Stadt, muss ich jetzt noch zurücklegen. Mit einer Taxi-App, Grab, dem südostasiatischen Uber, ordere ich mir schnell ein Motorradtaxi, schlinge mein Frühstück herunter und los geht’s. Gott sei Dank kommt der Fahrer schnell, und ich muss ihn nicht extra bitten, auf die Tube zu drücken, das machen die Fahrer in Indonesien sowieso immer. Durch den Morgenverkehr jagt die Maschine, und gerade noch rechtzeitig komme ich am großen Eingangstor zum Borobudur an. Ich gehe durch den Eingang, zeige mein Ticket und bekomme ein paar Strohlatschen und einen Sarong, also ein dünnes Tuch für die Hüften, ausgehändigt. Da es sich beim Borobudur um einen buddhistischen Tempel handelt, darf man ihn weder mit Schuhen noch mit freiliegenden Knien betreten, und auch wenn hier wesentlich mehr Touristen als Gläubige herkommen, gibt es natürlich keine Ausnahme. Außerdem wird die historische Bausubstanz durch die Strohsandalen besser geschützt.

Der Weg zum Borobudur

Der Weg zum Borobudur

Der Borobudur erhebt sich über die Landschaft

Der Borobudur erhebt sich über die Landschaft

Auf den Tempel

Zunächst muss ich trotz meiner Verspätung auf den Rest der Gruppe warten, die hier im Fünf-Minuten-Takt die Halle verlassen. Als alle schließlich beisammen sind, geht es über einen breiten Weg durch eine riesige Parkanlage auf den Tempel zu. Am Ende einer Allee führt eine Treppe hinauf. Schon von Weitem erkenne ich, dass er deutlich anders ist als die anderen Tempel. Wie eine flache, breite Pyramide erhebt er sich aus der Landschaft. Zahlreiche feine Skulpturen und Verzierungen geben ihm trotz der stämmigen Statur ein filigranes Aussehen. An seiner Spitze thront eine große Stupa, also ein typisch buddhistisches Tempelbauwerk, das an eine riesige steinerne Glocke erinnert. Als wir näher kommen, erkenne ich gigantische Reihen von Reliefs an den Seitenwänden der einzelnen Pyramidenstufen. Die nächste Stunde verbringen wir damit, entlang dieser Mauern zu wandern, während unser Guide uns die Geschichte hinter den Bildern erläutert. Sie stellen verschiedene Episoden aus dem Leben und Wirken des Buddha dar, und in Summe wird auf den insgesamt neun Ebenen seine gesamte Lebensgeschichte erzählt. Es ist unglaublich, wie detailreich die Reliefs den Betrachter wie vorzeitliche Bildergeschichten fesseln und man wohl ewig vor ihnen stehen könnte, ohne alle Einzelheiten erspäht zu haben.

Die Stupas an der Spitze des Borobudur

Die Stupas an der Spitze des Borobudur

Reliefs am Borobudur

Reliefs am Borobudur

Kopflose Buddhas am Tempel

Kopflose Buddhas am Tempel

Dieser Detailreichtum ist wohl auch Ergebnis der Geschichte Javas. Man vermutet, dass der Borobudur im frühen Mittelalter errichtet wurde, als der Buddhismus hier die vorherrschende Religion war. Wie besonders muss der Anblick für die Menschen jener Zeit gewesen sein, wenn dieses Bauwerk uns heute noch so in seinen Bann zieht. Im fortschreitenden Mittelalter wurde die Region islamisiert, und der Tempel geriet in Vergessenheit, verkam und verwilderte. Erst im 19. Jahrhundert wurde der inzwischen von Erde bedeckte Hügel durch die britischen und holländischen Kolonialherren wieder freigelegt. Viele Artefakte hatten die Zeit gut überdauert, weil sie so gut konserviert waren.

Im Laufe der Führung steigen wir immer höher den Tempel hinauf, und immer deutlicher erkennen wir die fantastische Aussicht auf die umgebende Landschaft, die sich dem Besucher hier bietet. Weitläufige Wälder und sattgrüne Hügel, soweit das Auge reicht, verleihen diesem besonderen Ort eine erhabene Atmosphäre. Da fallen auch die zahllosen Besuchergruppen kaum noch auf. Der Sonnenaufgang vom Borobudur ist angeblich der schönste in ganz Indonesien. Auf den mittleren Stufen der Tempelpyramide, dem Rupadhatu, thronen viele Buddha-Statuen, die entspannt in die Ferne blicken und die Aussicht genießen. In den mittleren und oberen Reihen, Arupadhatu genannt, befinden sie sich im Inneren der zahlreichen Stupas, die diese Ebene säumen. Auffällig ist, dass vielen von ihnen der Kopf fehlt. In der Zeit, als der Tempel ausgegraben wurde, war er schnell das Ziel von Souvenirjägern und Dieben, die sich an der Bausubstanz hemmungslos bedienten. In der Stupa an der Spitze des Tempels war gar eine Statue aus purem Gold, die wohl in der Sammlung irgendeines Kolonialbeamten verschwunden ist. Sie wurde durch eine steinerne aus den unteren Reihen ersetzt.

Sagenhafte Aussicht über die Landschaft rund um den Borobudur

Sagenhafte Aussicht über die Landschaft rund um den Borobudur

Am oberen Ende des Arupadhatu endet die Führung, und die Besucher werden sich selbst überlassen. Wir genießen noch ausgiebig die umgebende Landschaft, auf der sich am Horizont quellende Regenwolken abzeichnen. Sie verschwimmen mit dem grauen Gestein zu einer beeindruckenden Komposition. Einige buddhistische Mönche erreichen ebenfalls die oberste Plattform des Borobudur, ihre grell orangefarbenen Gewänder heben sich klar vom Hintergrund ab. Auch heute wird der Borobudur als Gebetsstätte genutzt, der oberste Bereich der Pyramide ist für Zeremonien reserviert und bleibt den Touristen wie mir verwehrt. Als die Mönche in der oberen Stupa verschwinden, erklingen aus den umliegenden Wäldern plötzlich zahlreiche Gebetsrufe. Sie kündigen das zweite islamische Gebet des Tages, das Zuhr, an und erinnern den Besucher an die heutzutage immer noch vorherrschende Religion dieser Gegend. Ein wahrhaft multikultureller Moment für einen Touristen aus dem christlich geprägten Westen.

Buddhistischer Mönch am Borobudur

Buddhistischer Mönch am Borobudur

Rückweg

Ehe es endgültig zu regnen beginnt, mache ich mich auf den Weg zum Ausgang. Hinter diesem verbirgt sich ein wahres Labyrinth aus Souvenirshops und Essensständen, das ich durchqueren muss. Mittlerweile schüttet es wie aus Eimern, sodass ich länger als geplant den Tinneff betrachte und mir noch ein kleines Mittagessen gönne, das mir hilft, diese Eindrücke zu verdauen.


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